ich möchte Sie kurz auf ein Buch aus der Feder eines gelehrten Autodidakten hinweisen, welches in grundlegender Weise ein Feld der historischen Buchwissenschaft begeht und beschreibt, dessen Flora bislang noch nicht systematisch bestimmt war. Es handelt sich um das Handbuch Buchverschluss und Buchbeschlag von Georg Adler, erschienen im Ludwig Reichert Verlag in Wiesbaden. Der reichhaltig farbig bebilderte Quartband umfasst 241 Seiten und kostet 98,00 Euro. Zur Verlagsseite des Reichert-Verlags geht es HIER, dann am besten über Autorensuche gehen.

Der Autor hat sich das hohe Ziel gesteckt, eine systematische Erfassung, Taxonomie und Beschreibung / Benennung der hauptsächlich metallischen Buchschließen und –beschläge „im deutschsprachigen Raum, den Niederlanden und Italien vom frühen Mittelalter bis in die Gegenwart“ vorzunehmen. Der erste Teil ist den verschiedenen Arten der Buchverschlüsse und –beschläge in Übersichtsform gewidmet; dabei wird zugleich eine neue Klassifikation und Terminologie entwickelt. Im zweiten Teil werden die verschiedenen Formen der Verschlüsse und Beschläge den jeweiligen historischen Epochen ihres Vorkommens zugeordnet (8.-20. Jahrhundert; auch moderne Buchkunsteinbände finden Berücksichtigung). Von besonderem Wert ist der dritte Teil, der aus Anhängen mit tabellarischen Kompilationen besteht. In diesem Teil wird die Anwendung der Differentialdiagnosen des ersten Teils auf die konkrete Bestimmung und Beschreibung von Einbänden angewendet; ferner finden sich bebilderte Tabellen mit allen Verschluß- und Beschlagsformen, eine Dokumentation verlorener und beschädigter Verschluß- und Beschlagsteile (für die Praxis des Antiquars von besonderem Wert; hat man doch beständig mit Defekten zu tun und steht auch manches Mal vor restauratorischen Fragen) und vor allem eine mehrseitige Begriffs-Konkordanz, die die ausdifferenzierte neue Terminologie des Verfassers mit den bisher in der Fachliteratur verwendeten Bezeichnungen abgleicht und zugleich -wie großartig ist das denn?‑ Übersetzungen ins Niederländische, Englische, Französische und Italienische liefert.
Allein die eigene Terminologie, in der die zahlreichen


Auf den beiden unteren Fotos ein Beispiel aus unserem Bestand, eine einfache Standardschließe der Reformationszeit. Interessanterweise ist der Schnitt des Folio-Holzdeckelbandes noch beschriftet, für ein Werk aus der Mitte des 16. Jahrhunderts nicht mehr alltäglich (Albert Krantz: Saxonia. Erste deutschsprachige Ausgabe. Leipzig 1563). Der Reformatoreneinband möglicherweise aus Wittenberg; bei der Schließe handelt es sich um einen Hakenverschluß mit einem Stiftlager auf dem Buchdeckelrand als Riemenschließe, Schließrichtung hinten (Typus BV.3.1.1.; Riemenschließe deswegen, weil der Haken an einem flexiblen Stück Pergament befestigt ist, das zugleich Scharnierfunktion übernimmt). Mazal (1997) bezeichnet diesen Schließentypus noch als Lederschließe mit Metallbeschlag oder einfach Lederscharnier. Das Pergamentriemchen ist mittels eines einfachen, dreifach genagelten Gegenblechs auf dem Vorderdeckel befestigt und unter den Deckenbezug eingelassen. Auf dem Haken selbst erkennt man gravierte Rhombenmuster und eine recht grobe palmettenförmige, mit Strichbündeln verzierte Ausbildung des Fußes. Das Material ist nicht sehr stark, worauf die Biegung des Hakenblechs schon hindeutet.

Und so ist auch die zweite Schließe, genauer gesagt: das Stiftlager, an der schwächsten Stelle abgebrochen. Interessanterweise ist oft nicht das Pergamentriemchen die schwächste Stelle (möglicherwese wegen dessen Flexibilität), sondern das Messingblech. Restauratorisch gesehen ist der Austausch des Stiftlagers ohne weiteres möglich, da einige Hersteller auch heute noch ganz ähnlich gearbeitete Lager anbieten. - Ich hoffe den Band trotzdem verkaufen zu können, möchte Sie aber abschließend noch einmal gerne zum Erwerb des Handbuchs Buchverschluss und Buchbeschlag animieren: Es lohnt sich!

Vielen Dank für Ihr Interesse, Ihr Otto W. Plocher
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