Mittwoch, 24. Februar 2010

Notizen aus der Ödmark 2


Liebe Leser,


Zwei Dinge finde ich derzeit erstaunlich; aber sie passen -näher betrachtet- schon recht gut zusammen und werden deshalb an diesem Ort nacheinander abgehandelt. Freundlich-fragend die eine, sanguinisch-bekennend die andere.

1) Ist es ein Skandal, wie meine Kollegen durch die neuen Verpackungsverordnungen, die eine gebührenpflichtige Lizensierung selbst bescheidenster Mengen von Buchverpackungen vorschreiben, gequält werden? Und knechtet namentlich der Grüne Punkt (die Firma) meine Kollegen mit sykophantischen Doppel- und Koppelverträgen? Im Namen einer Öko-Technokratie, die in erster Linie den Herren Müllwirtschaftern dient? Welche sofort in Al-Capone-Manier mit papageienkrawattentragenden, gegeelten Anwaltsfexen und Inkassofirmen aufliefen, wenn man sich ihren Machenschaften entziehen wollte? Gibt es denn keinen HErrGott, der dreinfährt und sie wegholt? Verpackungsverordnung! Entsorgungsbetriebe! Hat man Böcke zu Gärtnern gemacht, die sich Einzugsermächtigungen von den Kunden erwirkt haben und deren Annulierung mit Strafgeldern belegen? War diesem unwürdigen Schaupiel nicht die Dorfkuhle vorzuziehen, in der die Einheimischen traditionell-widerspenstig ihren Müll und überschüssigen Zivilisationsunrat verbrannten als da wären Regenrinnen, Autoreifen, Fernseher, Bildzeitungen und eben auch Buchverpackungen, die allerdings nie anfielen? Ich frage ja nur...


Altäre der Postmoderne: Wohnstätten der MüllGottheiten?


Wissen Sie, was in verschiedenen niedersächsischen Mundarten sinngemäß "Vom dualen System zertifiziert" heißt? "Klei mi am Mors!" Und haben Sie sich schon einmal nach der tieferen Bedeutung des Begriffs Gelber Sack gefragt? Wissen wir, auf welcher nächtlichen Feier der ambivalenten Herren des Dualen (!) Systems der Begriff Gelber Sack für die instabil-reißunfeste, dumpf-germanische Folienknistertüte geprägt wurde, deren verstreuter Inhalt die Fußwege und Straßen jeder deutschen Großstadt ziert? Wieviel Promille waren da wohl im Spiel? 1,54? Nun, also!

Ist das deutsch? Eine weitgehend sinnfreie, administrative Zwangsveranstaltung unter dem Vorwand ökonomisch-ökologischer Rationalität mit maximalem Organisationsgrad, zu melken das Fußvolk, zu mästen den Müll-Adel? Sollte sich das Diktum Richard Wagners, Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst Willen tun, auf so läppische Weise wieder einmal bewahrheiten?


Traurige Tropen? Ih wo, reinrassig getrennter Müll in deutschen Gelbsäcken.


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2) Noch viel deutscher und fast noch schlimmer als der Verpackungsmülltrennungslizensierungsentsorgungszertifizierungsfasching, der jedem aufrecht Empfindenden die Schamesröte ins Gesicht treiben muß, ist: der aus allen Fugen und Ritzen unserer Res publica triefende Gerechtigkeitswahn, der
die EKD-Ratsvorsitzende, Frau Margot Käßmann, zum gestrigen Rücktritt bewogen hat, einem Rücktritt, der (Anerkennung!) ganz und gar freiwillig zu sein scheint, und mit dem Frau Käßmann schlauerweise geschätzten 30758 Minuten öffentlicher Schuld-Schein-Schwurbeldebatte vorgebeugt hat. Verstehen Sie mich bitte recht: Nicht, daß ich Frau Käßmann übermässig liebte oder der Meinung bin, alle müssten im mittelschweren Trunke nächtens mit einem aufgebrezelten Passat (Phaeton) über rote Ampeln bratzen... Aber unter uns: Die Dame hat was. Nämlich wenigstens Feuer unter'm Hintern. Aber das, liebe Frau Käßmann, ist das letzte, was man in diesem Lande der Verwalter, Planer und Hauswärter sehen möchte.

Ein sehr bekannter und sehr bärtiger Kollege hat mir unter der selbst erfundenen Überschrift Deutsche (Bisch)Öfin ein wunderbares Zitat von Heinrich Heine geschickt:



Deutsche und französische Frauen. Die deutschen Oefen wärmen besser als
die fr. Kamine, aber daß man hier das Feuer lodern sieht ist angenehmer. Freudiger Anblick, aber Frost im Rücken – Deutsche Oefin wie wärmst du treu und scheinlos.



Tja, dumm gelaufen, liebe Kässi; Sie sind (ich bitte um Nachsicht für diese Frechheit) ein zu heißer Ofen oder fuhren zumindest einen solchen. In Paris wären Sie damenhaft-mondän über irgendeine behämmerte Ampel gerauscht, unterstützt von Hunderten hupender Zeitgenossen; ob diese Ampel grün, gelb oder r
ot geleuchtet hätte - mon Dieu! Und vermutlich wären Sie trotzdem heil, wenn auch etwas beschwipst, zu Hause angekommen. Der HErr fuhr schließlich mit Ihnen. Und nächstes Mal hätten Sie's gelassen. Aber in Hannover-Innenstadt, diesem Post-Bombodrom und steingewordenem Inbegriff hochdeutschen Biedersinns und langobardischer Hausmeistergesinnung, entscheiden Zehntelsekunden über gesellschaftliches Leben und sozialen Tod. Dabei sind die Ampelphasen unserer Heimat -auch dies Insignium der Hochzivilisation- mit einer solchen Verzögerung nacheinander geschaltet (der sogenannten Zwischenzeit), daß selbst ein arm- und beinloser Torso noch Gelegenheit hätte, nach Ende der Grünphase den rettenden Bordstein zu erreichen und die sog. Konfliktfläche zu räumen. Konfliktfläche: In Alemania ist Verkehr nämlich Krieg! Laßt uns die Konfliktflächen zügig räumen, damit die Heinzelmänner dieser Welt blind und stumpf draufhalten können mit ihren Opel-Wagen, Karohüten und Hornbrillen.

Oh Sicherheit, Du Donnerwort! Neudeutscher Primär-Götze! Dich beten wir an (also ich, ehrlich gesagt, nicht! Und wenn ich an die 70er Jahre meiner Kindheit zurückdenke, als im Nordwesten unserer Republik ab 12.00 Uhr praktisch
niemand mehr nüchtern war, ob im Straßenverkehr oder bei der Arbeit, und die Krebsrate trotzdem viel geringer als heute, wo alles viel sicherer und besser und organisierter ist, dann wird mir immer noch warm ums Herz).


"Näher, mein Gott, zu Dir": Der Kirche so aufs Dach
zu steigen bleibt Frau Käßmann 12 Monate verwehrt.


Es ist hier nicht der Ort, über die ebenfalls sehr deutsche, dickleibig-anale Phantasie vom Straßenverkehr als einer organologischen Parallele zum Verdauungsvorgang zu sprechen: Mühevoll und zäh fließen die Speisereste, von einer widerwillig-übelriechenden Peristaltik getrieben; ab und zu gebietet ein Sphinkter (Ampel) reinlich (Ver)Halt, sorgt für "Verstopfung" ein Stau. Die schlimmsten "Stinker" erhalten keine Grüne Plakette (sic!), werden geächtet. - Ich glaube, nur die Holländer sind noch schlimmer, die haben sogar Sphinkter an den Autobahnauffahrten.

Hingegen der Südländer, dem der Straßenverkehr ein phallischer Spaß und Schaubühne genialisch-feurigen Treibens ist, fern jeder administrierten und technokratisch-überorganisierten Lauwärme. Wie überhaupt das ganze Leben: Da wird gerast, gebremst, gehupt, geblinkt, getrunken, gesungen und
zugeparkt, rote Ampeln und Schilder dienen zu Dekozwecken, und siehe: Es funktioniert trotzdem. So ein Modell ist mit unseren Deutschländerwürsten natürlich nicht durchzusetzen, die bei jeder Staubspur auf dem Lack sich in Krämpfen winden.

Ein Blick ins Vorabendprogramm spricht Bände: Kontrolle - Einsatz mit den Ordnungshütern. Ein Volk von Hilfspolizisten, Kleinkrämern und Müllassortierern, geschäftig-schwitzend darauf bedacht, den Hindernisparcours eines schlaffen Lebens fehlerfrei zu absolvieren, um am Ende die Goldene Nadel für 50 Jahre unfallfreies Fahren zu kassieren, beruhigt in ein von der Vollkasko-Sterbeversicherung bezahltes Grab sinkend.


Hier geht's zum Antrag (PDF-Download)!


Liebe Kässi, ein paar kleine Vorwürfe dürfen Sie sich schon machen, aber übertreiben Sie's nicht. Der Krawall um den Lapsus steht in keinem Verhältnis zum Vergehen. Stellen Sie sich vor (Paris!), François Mitterand wäre dasselbe passiert: Man hätte ihm lächelnd Menschlichkeit ob des Falles attestiert, denn siehe, Perfektion ist unmenschlich. Nehmen Sie ein gutes Gläschen Rotwein, lehnen Sie sich zurück und danken Sie dem HErrn, ein bißchen mehr aus der Schußlinie jener fleischgewordenen Bleistifte zu sein, deren Lebensziel Überwachen und Strafen heißt.


Und Gott machte zwei große Lichter, und dazu auch die Sterne (Gen. 1,16)
Von Ampelanlagen hingegen war im Alten Testament nie die Rede.


Vor allem: Leisten Sie keinesfalls Trauerarbeit! Das Überfahren einer deutschen Ampel im Trunke soll zwar nicht sein, zählt aber ganz gewiß zu den läßlichen Sünden und fällt in die Kategorie Kehrwochen-, Autowäsche- und Rasenmahdverweigerung, Unterfrankieren von Büchersendungen, Verwenden von Glühbirnen, Rauchen in öffentlichen Gebäuden, Ruhestörung durch nächtliches Absingen schweinischer Lieder und Versand nichtlizensierter Umverpackungen. Werden andernorts nicht Kinder geschunden, Menschen erniedrigt, gegen Gebühr vermietet, belogen & betrogen, Bomben auf Tankzüge geworfen? Nicht? Na, dann...!!?!

Oh Abdera, mein Vaterland!


Danke für Ihr Interesse,

Ihr OW Plocher

Kommentare:

  1. Alles weg, sch--- Technik, hatte gelobt und gelästert, schade, dann eben
    nicht.
    Hier dann nur kurz zwei bisher nicht berücksichtigte Aspekte, eigentlich
    drei.

    Erstens: wer so ein seltsames Auto fährt, dem muß quasi zwangsläufig
    Unheil widerfahren.
    Hier die url dazu:
    http://www.nga.gov/collection/gallery/gg45/gg45-70144.0.html

    Beh, zu erstens: wer war der Beifahrer ? Der Chauffeur, der sie vielleicht
    hätte fahren sollen, aber nicht mehr fahren konnte und eigentlich schuld
    ist ? Sozusagen Dodi und Lady Die revisited ?

    Zweitens, der scoop, die Sensation, der gar nicht soooooo bärtige Kollege
    weiss als einziger, was die vom Plocher so liebevoll Kässie genannte
    Ex-Bischöfin nach einem sabbatical machen wird. Als Krönung ihrer Karriere
    wird sie maßgeblich und als Leadsängerin die Reunion dieser Band
    befördern: http://www.youtube.com/watch?v=VWf1MdHv80Q

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  2. Bücherhandel-im-Netz26. Februar 2010 um 19:43

    Klasse, Herr Plocher, treffend und pointiert - das machte mal wieder Spaß, so etwas zu lesen.

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  3. Hallo Herr Plocher,

    vielen Dank für diese witzigen Worte, die nicht nur dem Geiste, sd. insbesondere dem Geist entsprungen sein müssen.

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  4. Viel zu spät gelesen, doch das tut der Sache keinen Abbruch - einfach stilvoll und gut.

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  5. Werter Plocher,

    war denn nun Altkanzler Schröder der Beifahrer oder nicht? Haben Sie Kenntnis über irgendwelche pikanten Hintergründe? Das Lesevolk dürstet nach Aufklärung!

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  6. Das Leben plätschert dahin, wo aber sind die neuen Einträge in diesem Blog?
    Traurig. Aber auch tröstlich.

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  7. Sakrament, wann geht es endlich weiter?

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