Sonntag, 11. Dezember 2011

Reader's Nauseant


[Obacht! Beitrag ohne Bilder]


Zum letzten Geburtstag schenkte meine liebe Tochter Emily mir einen Autoatlas. Ein gutes Kind! Nicht einen von der Firma ORAL oder SMELL; solche Spitzenprodukte kann das arme Wesen mit den paar Cent Taschengeld, von denen ich das meiste ohnehin für Reparaturen im Haushalt einbehalte, sich nicht leisten. Nein, einen einfachen 5-Euro-vom-Grabbeltisch-bei-Horten-Atlas, mit einigen Stadtplänen und Europakarten. Beilag eine rührende Karte des Inhalts "Lieber Herr Vater, möget Ihr immer heil und gesund aus der Fremde zurückkehren und mir etwas Schönes mitbringen".

Moral der Geschichte: TAMTAM und ähnliche sog. Navigationssoft- und hardwares kreuzen zwar gelegentlich meinen Weg, aber ich lasse sie gerne auf ihrer hyperbolischen Bahn durchs Elektronikall weiterziehen, vorbei an SATURN, away away and out of sight. Denn erstens kosten die Geld, zweitens machen sie Geräusche, die sie nicht sollen, drittens komme ich mir beim Befingern dieser buntbebilderten Minitablets vor wie ein Aff', und viertens: Gab der HErr in seiner Güte mir nit Augen, zu sehen und einen Mund, zu fragen, wo denn der Weihnachtsbaumverkauf mit Kornausschank in Sürwürderwurp oder auf dem Tütjenbarg genau stattfinde (3 Körner = 1,50 Euro, Baum ab 9,99 Euro).

Verstehen Sie mich bitte recht: Als 1/4-Schwabe väterlicherseits habe ich nichts gegen technische Neuerungen, im Gegenteil sogar eine gewisse Freude am Fortschritts-Schnickschnack, vor allem auf dem Gebiet der Fahrzeugtechnik, der Weiterentwicklung optischer Linsensysteme, die mich heute in die Lage versetzt, für ein paar Tausend Euro Fernrohre zu besitzen, bei deren Anblick William Herschel tot umgefallen wäre, der Speichermedien, Datenbanken usw. usf. Ich finde auch die Ebook-Reader und deren Ink-Display-Technik ästhetisch ganz interessant (Motorola hatte schon mal ein Handy mit derselben Technologie, unverächtlich), und wenn man beim Lesen der Tageszeitung noch DLF-Podcasts damit hören kann, warum nicht?

Es geht mir auch gar nicht so sehr um die Frage, ob der Ebook-Reader irgendwann das Buch als Massengeschmacksmedium verdrängen wird: Wenn ich heute manche moderne Buchhandlung betrete, sehe ich ohnehin kaum noch Produkte, die mit meinem Begriff von "Buch" korrelieren. Ob man den ganzen Galimathias als Ebook oder auf chinesischem Schaumstoffpapier mit gepolstertem Dampfeinband rezipiert, sollte da doch eigentlich egal sein. Die Linie zwischen den Normalmenschlein, die das Buch ohnehin nur als kulturelles Ornat oder aber Freizeitvertreib betrachten und den eigentlichen und wahrhaftigen Büchermenschen ist ohnehin schon lange gezogen und -obwohl selbstverständlich semipermeabel- durch einen Gutenberg's Wall von erheblichen Ausmassen befestigt - umso unbegreiflicher, daß selbst aus Kreisen von Buchhändlern und Antiquaren Äußerungen zu vernehmen sind, die in einem Ebook-Reader mehr sehen als eine prothetische Notlösung wie z.B. die Lektüre von PDFs auf einem Computer: Die Geräte seien praktisch und schööön, das Lesen sei angenehmer als das eines Buches, ganze Sammlungen seien nunmehr leichter zu handhaben usw.

Diese Anschauungen, entgegene ich, können nur von Menschen stammen, die noch nie wirklich die Tiefe und analoge Evidenz des Lebens mit Büchern erfahren haben, die noch nie den fein verästelten Mikrokosmos des Buches durchwanderten, deren Leben sich noch nie um Bücher, ihre physische Präsenz und die ästhetische Interferenz von Gestalt, Ausstattung und Inhalt bekümmert und angeordnet hat. Für denjenigen, der -sei es studienbedingt, sei es durch reine Sammelleidenschaft- durch Bücher, mit Büchern, in Büchern sozialisiert worden ist, der ohne das physische Umgebensein mit Büchern einen horror vacui empfindet, der in einer Art von mnemotechnisch-bildlicher Lebenswirklichkeit dem Buch, seinen raschelnden Seiten, satt oder flau gedruckten Buchstaben und primitiv-gelumbeckten oder aufwendig-handgearbeiteten Blöcken und Einbänden verhaftet ist und die Inhalte der Bücher kaum denken kann ohne assoziative Rückbindung an den physischen Gegenstand (das Buch!), für denjenigen ist allein die Idee einer Ablösung des Buches durch einen Reader eine lustige Vorstellung, ersonnen zur Schande der Wissenschaft...

Aber halt! Die Wissenschaft! Hier ist vielleicht sogar eine der Wurzeln des Übels zu sehen. Schon zur Zeit meines Studiums vor fast 20 Jahren war es bei den Professoren und Assistenten der Geisteswissenschaften durchaus unüblich, sich dort mit den Originalen abzugeben, wo man auf billige Nachdrucke oder Neuausgaben zurückgreifen konnte. Im Gegenteil galt es fast als verächtlich, sich der teuren Originalausgaben zu bemächtigen. Ich kenne Forscher, die über Barockliteratur promoviert haben, ohne jemals eine Edition des 18. Jahrhunderts in Händen gehalten zu haben. - Vielleicht ist dies sogar ein deutsches Spezifikum als Ausdruck eines zutiefst gebrochenen Verhältnisses zur eigenen Historie, vermengt mit jener Eierköpfigkeit der Elfenbeintürmer, die hierzulande allezeit... aber darüber an anderer Stelle später mehr!

Als ich meine erste Originalausgabe des 18. Jahrhunderts erwerben durfte, den Bethelehemitischen Kindermord des manieristischen Ritters Marino in der deutschen Übersetzung von Barthold Hinrich Brockes (3. Aufl. 1727) war mir unmittelbar klar, daß die berauschende Gegenwart des Bandes mit seiner speziellen Ästhetik, dem herausragenden, vergoldeten rosa Pergamenteinband, dem fremden Satzbild, den Holzschnittvignetten und dem gefalteten Kupfer Bernard Picarts zur Schächtung der Kinder, mein Leben verändern würde. Und tatsächlich hat sich nicht nur der Blick auf das Werk in den letzten 20 Jahren modifiziert: Vom bloßen Anstaunen teilweise unbegriffener gestalterischer Details über langsame Annäherung und einfühlendes Verständnis bis hin zur entwickelteren Urteilsfähigkeit, die den Kindermord zwar zu etwas Seriellerem, aber nicht weniger Wertvollem werden ließ, schulte sich der Blick, und parallel dazu wuchs eine Bibliothek, die weiß Gott nicht nur aus Alten Drucken, sondern auch aus vielen tausend Taschenbüchern und Leinenbänden besteht - ungeordnet, scheinbar wirr, aber jedes Stück als individuelle Fleischwerdung des Geistes (manchmal auch Ungeistes) an seinem Platz.

Denn auch für das dämliche, einfache, an und für sich grauenhafte Suhrkamp-Taschenbuch gilt, daß es einen, wenn auch beschränkteren, individuellen Ausdruck besitzt, und sei es nur dadurch, daß ich dieses Buch erwartungsvoll in meine Höhle geschleppt und dort grunzend durchgearbeitet habe. Ich verbinde in meinem Bildungs-, Lektüre- und Bücherkosmos mit der Seite 151 der Abhandlung Subjektivität von Joachim Ritter (Bibliothek Suhrkamp) einen ganzen Strauß von Assoziationen, die sich wiederum an weitere Werke meiner Bibliothek heften: Schon die Kapitel-Überschrift auf der vergilbten Seite strahlt verschiedene Ziele in meinen Bücherregalen an: Die Petrarcha-Ausgabe ganz oben links, die Abhandlung von Hans Blumenberg zum Buch der Natur (in Kniehöhe mittleres Regal Durchgang zum Koben), die Augustinus-Ausgabe aus der Reihe der Köselschen Kirchenväter, die über zwei Regalbretter teils in zweiter Reihe mäandert, etc. pp. - Die Rittersche Abhandlung, ein dünnes, unscheinbares, schlecht geklebtes Pappbändchen, kommt mir immer vor wie ein kompakter Akkumulator mit großem Effizienzgrad, virulent, für mich wichtig und auf vieles andere verweisend. Extrem verdichtete Materie, und als solche, als volllötiger phyischer Batzen, als Mega-Verweis, hat sie als Buch im Regal zu stehen und behauptet ihren eigenen Charakter, etwa gegen die beiden nahestehenden Sloterdijk-Bände Kritik der zynischen Vernunft (Edition Suhrkamp), denen etwas Harlekinartiges, Clowneskes anhaftet. Orange dröhnen sie mich voll; eigentlich müßte ein Halbseideneinband für sie gemacht werden. Daneben die 5 Bände Koschorke, seines Zeichens postmoderner Literaturwissenschaftler in Konstanz: Alle gleichformatig, wie aus dem Ei gepellt, mit Schutzumschlägen, stehen für die serielle Produktion des postanthropologischen Ganzganzanderen... komischerweise die ebenfalls absolut gleichförmigen Bände Hans Blumenbergs (Leinen mit weißen Schutzumschlägen) stehen gar nicht für das Immergleiche, sie sehen nur äußerlich gleich aus. Aufgeladen sind sie mit ganz divergenten, bunten Thesen und Inhalten und vor allem - meiner speziellen Lektüre, mit denen ich die Werke sozusagen markiert, zu repräsentativen Zeichen verwandelt habe.

Bücher sind (im Gegensatz zu bloßen Texten auf Readern... müssen wir über diesen Quatsch überhaupt noch reden?) neben den buchtechnischen und -geschichtlichen Besonderheiten ihrer materiellen Erscheinung rezeptionsästhetische Manifeste, und zwar einerseits des jeweiligen Rezipienten, andererseits einer ganzen Generation. Spricht man umsonst von einer Suhrkamp-Kultur, die für die intellektuelle Entwicklung der Nachkriegsgeneration steht? Betrete ich die 90er-Jahre-Bibliothek eines pfeifestauchenden, baskenmützentragenden Pfarrers grinst mich der Drewermann an und dräut der Theweleit allenthalben; von ganz hinten bultmännert es vielleicht noch verhalten. Stürze ich bei einem 80jährigen Altkatholiken über die zerfressene aschgraue Leinenausgabe des Lexikon für Theologie und Kirche in der 2. Auflage (für die 3. hat's wieder nicht gereicht, und für die blaue Halblederausgabe auch nicht!), und fallen mir aus der Speisekammer meines Psychoanalytikers 40 ungebundene Jahrgänge der Psyche entgegen (die Originaleinbanddecken lose beiliegend), dann weiß ich sofort, woran ich bin. Zeichen der Überwelt (R. Barthes), hypostasiert als Druckwerke in unserer Gegenwart und als solche maßgebend für kulturelle Praxis und Wirklichkeit. - Vor 100 Jahren waren die grau-schwarzen, aktenhaft schlichten Privateinbände der Altphilologen, die noch unsere Großväter quälten, wie der Bratenrock und dessen verstaubte Schöße überdeterminierte Zeichen, und Heinrich Mann mußte seinen Professor Unrat schreiben. - Bücher, und die aus ihnen bestehenden Bibliotheken, sind historische Manifestationen. - Wissen Sie, was Ebook-Reader sind? - Selbst die vergilbte, grottenschlechte Pawlak-Ausgabe von Jean Paul, die meine Mutter mir vor 30 Jahren für 1,- DM (reduziert von 2,95) aus der Stadt mitbrachte, bleibt als sinnliche Repräsentanz meiner Erstlektüre dieses Autors etwas ganz ungemein Köstliches und "Aufgeladenes": Lange müeze ich lesen dar inne, um all das Herauszulesen, was ich dort schon Hineingelesen habe!

Plädoyer für eine analoge Praxis des Anfassens, Bereichens, Reinmalens, auf-den-Büchern-Schlafens, Schleppens, Auftürmens... Kein TAMTAM: Verfahren Sie sich doch mal öfter! Es lohnt sich. Fragen Sie in einer schwäbischen Gaststätte um 23.00 Uhr mit breitem norddeutschem Akzent nach dem Weg, und hören Sie die Musik aus- und sehen Sie das Licht angehen: Es lohnt sich! Ebook-Reader: Zum Rumdaddeln, kein Problem. Für die Zeitung: Na, bitte schön. Für's wirklich Leben: Jamais! Und wer darin eine echte Alternative zu irgendwas sieht, dem sei zugerufen: Wenn Ihr's nit fühlt, Ihr werdet's nit erjagen! Nit! Hebet Euch hinweg, für die Bücherwelt seid Ihr verloren! Und laßt mir die braven Büchermenschen in Friede mit Eurem Sirenengesang. Es gibt auf dem antiquarischen Buchmarkt im Prinzip alles, was man sich wünschen kann, zu Preisen, die teilweise skandalös niedrig sind. Ei, wie köstlich ist das denn? You get the real things, browned and detached Suhrkamp-Paperbacks, stained throughout, in awfull condition... you will love them!

Ich möchte Ihnen noch abschließend ein Beispiel geben für den Verlust analoger Erfahrungen und Praktiken (Sloterdijk spräche von "ptolemäischen" Wirklichkeiten im Gegensatz zu "kopernikanischen": meinetwegen auch das!), aus einem Bereich, der Sie überraschen mag, der astronomischen Beobachtungspraxis.

Sie können heute, ich sagte es schon, für ein paar Euro sich Fernrohre kaufen, die noch vor 30 Jahren außerhalb der Reichweite selbst von semiprofessionellen Astronomen lagen. Wenn Sie so ein Gerät in sternklarer Nacht auf den Saturn richten und keinerlei Erfahrung mit der Praxis, ja der Kunst des astronomischen Beobachtens haben, sehen Sie allenfals eine Scheibe mit einem Ring, und auf der Scheibe ein, zwei Wolkenbänder. Das ist einigermassen enttäuschend angesichts der vielen tollen Buntfotos in Büchern und Zeitschriften, die Dutzende von Details zeigen. - Was macht der moderne Sterngucker? Er kauft sich eine möglichst rauscharme CCD-Kamera, eine synchronsierte Motorsteuerung und eine Bildbearbeitungssoftware, schießt innerhalb einer Viertelstunde ein paar Hundert Fotos, überlagert sie elektronisch, bearbeitet sie und hat ein tolles Computer-Bild eines Himmelskörpers, den er selbst nie wirklich gesehen hat, im warmen Wohnzimmer. Das ist das Falsche!

Das Richtige: Die Kälte draußen ertragen - Geduld haben - Warten, bis die Geräte sich der Umgebungstemperatur anpassen - Immer wieder mit wechselnden Winkeln und Focussen schauen, schauen und nochmal schauen - Die Lücken im Seeing ausnutzen - Sich der Transitivität des Blicks gewärtig sein - Den Blick neben das Objekt richten, die empfindlichen Stellen der eigenen Netzhaut kennenlernen - Kurz: Die Praxis pietatis lernen, die jedem Handwerk, jeder komplexeren Erfahrung zugrundeliegt. Wenn man dann zu vorgerückter Stunde für ein paar Sekunden nicht nur die Cassini-Teilung des Ringes, sondern -siehe, es war köstlich!- auch die viel unscheinbarere Encke-Teilung sehen, da, wo die Dicke des Ringes unter einem Kilometer liegt... dann fallen Sie zufrieden ins Bett und seufzen: Auch ich war in Arkadien!

Ich bin mir sicher, daß diese Parallele verstanden wird. - Lassen Sie sich nicht von den Technik-Surrogaten dessen berauben, was uns unverzichtbar und nötiger denn je ist: Die eigene, materiell-praktische Erfahrung im Umgang mit den Dingen der Wirklichkeit! Die Spannung des Gegenständlichen, die Widerständigkeit des (alten) Materials, die Tücke des Objekts! Aber auch dessen Geschmeidigkeit, Schönheit, Ergebenheit, deren füllhörnerner Reichtum.

Und den Ebook-Reader, den nehmen Sie sich, reiben ihn schön mit Buchfett ein und █████ ███ ███ █ █ █████ , und zwar ████████ █████!! Von wegen gut handzuhaben! Dann werden Sie sehen, wie
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[ZENSUR]

Totaler Zusammenbruch des Systems

Verfasser auf der Flucht - Rückkehr ungewiß

Kommentare:

  1. Wann ist sehen sehen, wann ist ein foto ein echtes, wann ist die vinyl-scheibe der cd vorzuziehen, fragen, fragen immer nur fragen...

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  2. Die Vinylscheibe ist natürlich IMMER der CD vorzuziehen, doch nichts geht über, z.B. Maceo Parker live.

    Christoph Schäfer aka El Balcón

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  3. Lieber 160Morgenwaldbauer,

    die Frage ist wichtiger als die Antwort, weil sie den Horizont möglicher Antworten bereits begrenzt und präformiert. Haben Sie die richtige Frage gefunden, ist die Antwort nicht weit.

    Nicht Meister Wu, sondern Ihr 12Morgenweidenplocher.

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  4. Applaus, Appalus, lieber Otto: in Zeiten in denen Kultur als Teil der Kreativwirtschaft (Deutschlandradio Kultur, 26.3.11, 18.27 Uhr) firmiert, wendet man mit nassen Augen und in Liebe und Verehrung Seite um Seite in des alten Stifters Nachsommer um. Flexibler Kunsstoff, Persia-Dünndruckpapier (Die Tinte der Füllfeder-Marginalien dringt auf den folgenden ca. 4-5 Seiten unschön durch).

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  5. Wieder ein Meisterstück Otto, Frohe Weihnachten wünscht Dir Thorsten Oltmer!

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