Samstag, 23. Januar 2010

Elfenblut - Ein Erlebnisbericht aus Amazonien


Vorbericht

Immer wieder wird in Antiquariatskreisen über die extreme Kundenfreundlichkeit, die vorbildliche Abwicklungs-Sicherheit und auch sonstigen Vorzüge der sog. Internetplattform Amazon berichtet und deren kometenhafter Aufstieg mit eben diesen Tugenden begründet. Mir haben die Amazon-spezifische, vollkommen buchferne Kraut- und Rüben-Präsentation von Dutzenden ähnlicher, distinktionslos aneinandergereihter Titelaufnahmen, Auflagen, Neu- und Gebrauchtexemplaren usw., das penetrant-anbiedernde Alles muß raus! der prekariativen Werbeemails auf Tele-Tubby-Niveau und das damit verbundene Pressing beim Elektronikschrott-Abverkauf zwar nie eingeleuchtet, sondern ich habe dies schon immer für das Erscheinen des apokalyptischen Tieres in der Bücherwelt gehalten, welches kurz vor dem Schall der Posaune noch einmal so richtig die Sau rauslassen möchte.

Andererseits habe auch ich schon einmal eine Küchenmaschine erfolgreich bei Amazon gekauft, die nach wie vor eine Art Teig knetet, und unternahm jetzt erneut einen Kauf-Versuch. Diesesmal wollte ich ein Buch über den sog. Marketplace von Amazon France bestellen. Oh, wie leicht ließ ich mich blenden von der Vision eines heiteren Markttages auf einer sonnendurchfluteten, romanischen Piazza! Narr, der ich war! Getrieben von seelenloser Gier, eitel, eitel, abgewichen vom Pfade der Rechtschaffenheit, der provisionsfreien Kollegenbestellung via Prolibri oder ZVAB nämlich. Dereinst nur eine kleine Glosse im Buche der Richter, sicherlich, aber immerhin... Eli, Eli, lama sabachthani!


[I] Pfade in die Dunkelheit


Ich bestellte für einwandfreie 5,13 Euro von Emil Weller: Die falschen und fingierten Druckorte (2 Bände) bei einem Anbieter namens The UK-Book-Depository (der rätselhafterweise seine Waren nur bei Amazon France anbietet), Porto 5,99 Euro, und jagte gleich eine Email hinterher: Man solle doch bitte nur liefern, falls es sich um BEIDE Bände handele, wie ausgiebig in der Titelaufnahme beschrieben (complète - très bon). Die Buben sollten gleich von meiner Gottebenbildlichkeit Kenntnis nehmen, auf daß der Kotau in Form des überstellten Exemplares ein umso tieferer und mein Siegeszug ein umso vollkommenerer werde.



Schon nach wenigen Wochen (avisierte Lieferzeit: 5-8 Tage) traf bei mir folgendes bedeutendes Grundlagenwerk zum Elfen- und Twilightkultus unserer esoterisch verkommenen, 10-14jährigen, meist weiblichen Jugend ein: Katrin Wellers Eso-Erzählungen Elfenblut, Rowohlt Verlag. Das Buch -dies der eigentliche Clou- befand sich verlagsseitig in einer doppelwandigen Plastik-Eintecktasche, einer sog. "Liquid-Box", die mit "Elfenblut", einer glibberig-glitzernden und höchstwahrscheinlich ökotrophologisch nicht ganz einwandfreien, gelblich-orangen Molasse gefüllt war. Eine Rechnung lag dankenswerterweise nicht bei, aber immerhin fand sich das Rudiment eines Aufklebers auf dem Umschlag: UK-Book-Dep.... - Ja, Dep(p), schon recht. Was aber tun mit dem Wälsungen... äh Elfenblut? Meine Tochter durfte den Band keinesfalls entdecken, sonst war dessen Austausch gegen den richtigen Titel (in meiner närrischen Naivität erhoffte noch etwas in dieser Art) bzw. der "Refund", die Erstattung des Kaufpreises, schwerstens gefährdet.


[II] ISBN-Numb3rs. Zur weiteren Logik des Verbrechens.

Also versteckte ich den Liquid-Bag samt Buch im Schweinskoben und wandte mich mit einer Email an The UK-Book-Depository. Die Email-Adresse hatte ich ja. Wo aber firmierten die Herrschaften? Was war das UK-Book-Depository überhaupt? Immerhin hatte ich über Amazon France das Buch bestellt und hielt die Existenz des Anbieters theoretisch für bewiesen, aber selbst die schärfste inquisitorische Befragung der Suchmaschinen hatten über das UK-Book-Depository nur Fragmentarisches zutage gefördert. Die Recherche nahm Geheimdiensthaftes an; teilweise fieberte ich wie einst Schwarzeneggers Arnold (entfernte Ähnlichkeit ist gegeben), mich in Tarnzeug an einen unsichtbaren Predator-Feind heranrobbend. Suggerierte nicht der Begriff Depository schon etwas sehr Militärisches? Wo stand die von Green Berets schwerstens bewachte Lagerhalle mit ihren Buchbeständen, Helikoptern, Frankiermaschinen, Stinger-Raketen, Luftpolstertaschen... Über Amazon war nichts herauszubringen, der Handelspartner blieb vollkommen opak - sehr kundenfreundlich, wollte man dadurch doch vermutlich jede ärgerliche Auseinandersetzung vom Endverbraucher abschirmen. - Später schanzten mir gedungene Schergen eine Rücksendeadresse zu. Ich war glücklich.

In meinem besten Französisch (ich hatte mich für die neutrale Sprache Voltaires entschieden, obwohl das Depository in Britannien residierte) erklärte ich also den Casus, versicherte dem Depository meine größte Benevolenz, erinnerte freundlich an das ursprünglich bestellte Buch (Weller: Fingierte Druckorte), scherzte noch ein wenig über die kleinen Irrtümer, vor denen wir alle nicht gefeit seien, und wartete einige Tage, während derer ich zur Bekräftigung meines freundlichen Entgegenkommens den Liquid-Bag mit Book-Inlet unbeschädigt als Büchersendung an den Kontrolleuren des Briefzentrums Oldenburg, die habituell aus sieben Zerberus-Kehlen gegen mich bellen, vorbeischmuggelte und für 2,70 Euro nach London verschiffte.




Die schon bald eintreffende Antwort einer Custom-Advisorin des UK-Book-Depository
in tadellosem Englisch lautete ungefähr wie folgt: Man bedauere, daß ich mich beschwere. Am allerwichtigsten sei, daß eine Rücksendung des Titels solange verboten bliebe, bis ich eine Erlaubnis des UK-Book-Depository in Händen hielte, die mir diese Rücksendung anordne. - Das leuchtete mir leicht ein, da gerade so Typen wie ich zu unkontrollierten Handlungen und Rücksendungen neigen und ohnehin jeder Kunde im Internet ein langhaariger Bombenleger oder Perverser ist. - Zunächst einmal, so die strenge Custom-Lady, solle ich den Casus genau darlegen (Ich dachte, dies bereits beim ersten Mal getan zu haben). - Unverzüglich solle ich die ISBN-Nummern der beiden bestellten Titel übermitteln. - Ich konnte natürlich nur die ISBN des Elfenblutinfusionsbeutels angeben, da Emil Wellers Falsche Druckorte noch gut und gerne ohne ISBN ausgekommen waren; es war damals eine definitiv bessere Welt gewesen! - Sollte ich aber, so die Customizerin, den Band schon verschickt haben, sei nun alles in GOttes Hand, und man müsse das Eintreffen des falschen Buches abwarten. - Ich antwortete auf Englisch mit der Offen- und Großherzigkeit des Weltmannes, legte den Casus erneut dar, bat um wohlwollende Prüfung und versteifte mich auf die inhaltliche Differenz des Elfenbluts zu den Fingierten Druckorten, deren Zusendung ich nunmher urgierte.


[III] Zerknirschung und Reue. Versuchung.

Zwischenbetrachtung: Selbst einem EDV-Esel wie mir mußte nunmehr leicht aufgehen, wo der Hase im englischen Pfeffer lag: Die "Titelaufnahme" war entweder über eine Art ISBN-Scanner getätigt worden, der sodann eine fehlerhafte Zuschreibung der Daten geleistet hatte (immerhin hießen beide Verfasser Weller), oder aber eine zyklopisch-oktopodische Hilfkraft hatte die Nummer falsch abgetippt, oder aber eine andere Software war irgendwo irregelaufen. Jedenfalls hatten diese Anbieter, The UK-Book-Depository, mit der wirklichen Titelaufnahme, so wie wir Antiquare sie üblicherweise kennen, noch nie ihre Zeit verschwendet, mehr noch: Die Idee einer Beschäftigung mit den angebotenen Büchern dürfte in Kosmos des Depositories gar nicht vorkommen, müsse vollkommen unverständlich bleiben. In einem solchen, offenbar auf Massendurchsatz kalkulierenden Konzern war meine Exotenbestellung und die darauf folgende schüchterne Reklamation ohnehin völlig fehl am Platze, waren Wellers Fingierte Druckorte nur ein kleines, fehlfarbenes Kotkrümelchen in einer enormen Masse gesichtslosen Bücherdungs, der von einer gnadenlosen Peristaltik bis zum Ausscheiden (Versand) gewalkt und massiert wurde, und ich kleiner Kloakenkäfer war übermütig über den Rand des Beckens geklettert, statt still und bescheiden unter dem hohlen Falz desselben mich redlich zu nähren... : Zwischenbetrachtung Ende.

Ah! Diese Tiefe der Erkenntnis, die mich Einsamen d
es Nachts (schlafen konnte ich schon lange nicht mehr) auf meinen endlosen Wanderungen ereilte, machte mir das Herze recht klamm; die Schuld, die ich durch mein Verhalten auf mich geladen hatte, lastete schwer auf mir, und ich setzte mich eines Morgens hin und schrieb wie folgt (dt. Übers.):



Liebe Damen und Herren des UK-Book-Depository! Ich erkenne nunmehr den ganzen Umfang meines irrtümlichen, dummen, von alten Vorurteilen geprägten Handelns, die Fehlerhaftigkeit meiner Bestellung, die Albernheit, ja Lächerlichkeit meiner Reklamationen in vollem Umfange an; das kindisch-bornierte Verharren auf den Falschen Druckorten, die greisenhafte Bockigkeit der Weigerung, Elfenblut, dieses Donum Dei, Ihr Gottesgeschenk, dankbar und demütig anzunehmen. Oh! Ich stehe als ganz verwandelter, zerknirschter Mensch (ecce homo!) vor Ihnen und schlage folgendes mit dem gebührendsten Respekt vor: Bitte, bitte, lassen Sie uns die Angelegenheit beenden, begraben, vergessen. Wenn Ihnen das in Ihre Großmütigkeit möglich sein sollte, so würden Sie einen alten, gebrochenen Mann sehr glücklich machen. - In gehörigster Submission! Etc. pp.

Bevor ich das Bettel-Schreiben, den elektronisch transformierten Canossagang meiner geläuterten, zerstörten bibliophilen Seele aber auf den Weg bringen konnte, erreichte mich folgende Nachricht des Amazon Marketplace wie ein Donnerschlag: Evaluez votre Vendeur! (Bewerten Sie Ihren Verkäufer!) - Das sei ganz einfach, hihi, man müsse nur hier und da klicken, und schön könne man das mühsam erworbene Image einer geachteten Weltfirma in den Kot treten bzw. einen schweineheftchenvertickenden Voll-Spacko mit Postfachadresse auf den Olymp des Antiquariatsbuchhandels hieven, flüsterte die Höllen-Software mir zu.

Der Mauszeiger zitterte unter der nervösen Last meiner Hände einige Minuten über dem Einzelstern - die Schwärze einer bleierne Zeit breitete sich im Raume aus - das Schnarchen Gottes drang aus allen Ritzen der Schöpfung - genug: Ich widerstand. Keine Bewertung. Aber mein Entschuldigungsschreiben an das UK-Book-Depository unterdrückte ich einstweilen. I got the power!

5 Sterne weisen Dir den Weg... oder waren es für besonders verdiente Händler 7?



[IV] Raubzeug.

Nach nur wenigen weiteren, nervenzerfetzenden Tagen erhielt ich eine weitere Nachricht aus dem Lande der Franzosen: Nous vous confirmons avoir procédé à un remboursement de 11,12 € pour votre commande. - Man hatte mir die Buch- und Versandkosten für meine Bestellung erstattet, ohne weiteren Kommentar, ohne eine einzige Zeile der Ansprache / Begründung / Information. Außerdem, so teilte man mir mit, komme diese Email von einer Adresse, die so weit außerhalb dieser Wirklichkeit läge, daß man ihr unmöglich antworten könne, leider, leider: No reply.

Oh, ich war glücklich. Und schon fraß ein weiterer Köhlerglaube mächtig um sich: Ob es mir, dem Begünstigten, nun eventuell sogar noch möglich wäre, das Porto für die Rücksendung des Elfenblut-Beutels (2,70 Euro) aus den Angelsachsen herauszupressen, ihnen ein Waterloo ohne Gewährung irgendeiner läppischen Gnade zu bereiten. Ich schrieb also flugs an das UK-Book-Depository eine weitere Email, die schon etwas schneidiger war: Howdy Folks, what about the refund for the 2,70 Euro I charged by returning the wrong item (and I want to make it quite clear that it was YOU who send me the wrong one)? - Das war starker Tobak, und schon einen Tag später erhielt ich Antwort. Ein freundlicher Inder schrieb mir im Auftrag des UK-Book-Depository:

Dear Plocher, I am afraid we have lost thread of your previous e-mails. Could you please provide us with them so that we can look into this matter further for you. I am very sorry for the inconvenience that this may have caused you.

Auch hier wieder anzuwenden das bereits bemühte Bild des Kloakenkäferchens, das sich erdreistet, mit einer Weltfirma in ansatzweise kritische Konversation treten zu wollen. Aber mein niedersäxischer Widerstandswille, sich nicht von einer anglikanisch-welschen Cooperative um die sauer verschwendeten
2,70 Euro bringen zu lassen, obsiegte, und ich sammelte alle Emails der letzten Wochen zusammen und warf das Messerbüschel dieser Elukubrationen in Richtung UK-Book-Depository.

Was meinen Sie, was dieses mir durch einen weiteren indischen Custom-Advisor zwei Tage später (in 4-Punkt-Schrift übrigens, so viel Scham mußte freilich sein) antwortete? Na? Hihi? Ahnen Sie's?

Dear Plocher, I can confirm that we have issued you a full refund for this order as Amazon had made a catalogue error, and so will not be able to supply the title ordered. There was no need to return the mis-send item.

Das darf nicht unübersetzt bleiben. In freier Wiedergabe (leicht dialektal getönt):

Du kleine unbedeutende, im System nicht vorgesehene, aber immer wieder auftretende Dysfunktion, hastu noch immer nich' genuch? Hastu Geld zurück, oder nich', und wat jetzä? Amazon hat Scheiße gebaut, ok, who cares? Und übrigens: Wie doof muß man sein, den gelumbeckten Dreck, den wir hier in Hundertergebinden ausstoßen, auch noch zurückzusenden, statt ihn dahin zu kloppen, wo er hingehört: Ins Tönnchen, Amigo! Horrido!




Vernichtet sank ich zurück in meinem Lehnstuhl. Ausgetrocknet die Meibomschen Tränendrüsen, dickflüssig das Blut in den schwellenden Aneurysmen, hyperventilatorisch überbläht die Alveolen. Nun war es gut, war alles gut, der Kampf beendet. Ich hatte den Sieg über mich selbst errungen. Ich liebte den Großen Bruder.


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Nüchterne Schlußbetrachtung

Es gibt derzeit keine andere Plattform für den Antiquariatsbuchhandel, auf der ein vergleichbarer Bock geschossen werden könnte wie der oben geschilderte. Die Verwechselung zweier vollkommen verschiedener, nur durch den Verfassernamen verwandter Publikationen mag sogar noch angehen (obwohl auch hier schon Strukturen schwerster Debilität zum Tragen kommen, die...). Die Verwechselung liegt an der speziellen Aufbereitungs"kultur" der Ware durch die einzelnen Anbieter (EDV-Roboter graben für den Sieg), die mit Büchern noch nie etwas anderes assoziiert haben als "zu dick gedrucktes Geld". Daß die fehlerhafte Zuschreibung so lange Bestand haben konnte,
liegt an der jeder Sinnhaftigkeit vollkommen entkernten Angebotsstruktur der Plattform Amazon, auf der sich veritable Händler, Semi-Händler, Privatanbieter, Analphabeten, Raubzeug und was weiß ich noch zum wüstesten Treiben zusammenfinden, weit mehr als auf anderen, auch nicht immer führenden Portalen. - Aber daß die Verwechselung einen Rattenschwanz von Emails, Rechtfertigungen, ISBN-Nummer-Abgleichungen, Rücksendever- und Zusendegeboten nach sich zog ist einzig und allein der Abschirmung von Kunde und Händler geschuldet, den sich die Plattform Amazon zum Ziel gemacht hat. Bei jeder anderen Plattform wären im Augenblick der Bestellung die Karten aufgedeckt und der freie Diskurs zwischen Händler und Kunde möglich gewesen - in diesem Falle sehr heilsam möglich gewesen.

Es ist mir für alle Zeiten unbegreiflich, daß eine große Zahl von Kunden offenbar vollkommen zufrieden, ja sogar begeistert über diesen entmündigenden, infantilen, Verbraucher & Händler zu System-Äffchen depravierenden Plattform-Dada-Nonsense ist, den Amazon derzeit vollendet verkörpert. Wenn das Rückschlüsse auf das Internet-Antiquariatspublikum der Zukunft zuläßt, melde ich mich morgen von allen Plattformen ab und einen landwirtschaftlichen Betrieb an: Unter einer sinkenden Milch-Quote zu ächzen ist mir allemal lieber als die Dauer-Elfenblut-Transfusion durch Dramazon erdulden zu müssen. Aua-haua!




Oh, großer René Weller [!], der Du mit der ganzen Sache quasi praktisch noch nichts zu tun hast, fahr' darein und drisch das Takelzeug auseinander! Das darf doch alles nicht wahr sein!

Ist es aber, im deutschen Winter des Jahres 2010.

Meine Bibliographien kaufe ich zukünftig übrigens beim Kollegen Zenner in Garding (Cicero-Presse), auf dem ruht das Auge Gottes.

Danke für Ihr Interesse, Ihr OW Plocher



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Nachtrag

Einem begnadeten Analytikers dieses unseres EDV-Zeitalters, dem Kollegen Erthal aus Worms, verdanke ich den Hinweis, daß das UK-Book-Depository Emil Wellers Falsche und fingierte Druckorte mir zum Hohne weiterhin zum alten Kurs anbietet, sogar gehetzt von einer Vielzahl weiterer Verfolgerer (mit überteuerten Preisen). - Danke, lieber Erthal! Ein deutscher Antiquar weiß, was er in dieser Lage zu tun hat! Massenordre sei's Panier!

Kommentare:

  1. Werter P. aus A.,

    amüsant Ihr Geschichtchen, aber selbstredend auch traurig ob der Gebrauchtbuch-Verkaufskultur. Allerdings, würden Sie sich zumindest zum eigenen Verständnis mit den inneren Windmühlen und Zahnrädern Amazoniens beschäftigen, so wären Ihnen die Tücken im Detail des Kraken kenntlich und die finanzielle, aber amüsante Lappalie nie geschehen. Erstens kennt man mit der Zeit seine Pappenheimer, zweitens sind deutsche und deutschsprachige Bücher auf ausländischen Amazonseiten grundsätzlich falsch katalogisiert, drittens ist die Angabe einer ISBN bei einem Werk von 1864 ein, wenn auch zugegeben nur leichtes, Warnsignal. Dies verbunden mit dem Wissen, dass die Titelaufnahme bei Amazonien größtenteils über die ISBN erfolgt, hätte zum Fallen des Groschens führen müssen - mindestens aber zur Überprüfung der ISBN was sich denn dahinter verbirgt. Aber der Anekdoten nicht genug: Mich erreichte heute ein gleichwohl aktuelleres Buch als "wie neu" beschrieben, erworben auf der viel gepriesenen und zur Zeit von Hinz und Kunz beworbenen "booklooker"-Seite, dass sich dann flugs beim aus dem Maxiumschlag für Briefchen herausschälen, einer Metamorphose zum ehemaligen Bibliotheksexemplar unterwarf. Außen Aufkleber, ein paar Knicke im Einband und das übliche Stempelgelage auf Titelblatt etc. pp. Auf Nachfrage bei der im privaten Kämmerlein handelnden Person aus dem beschaulichen Neubrandenburg ereilte mich die folgende Nachricht: "Wie neu" bedeutet lediglich das der zustand gebraucht aber wie neu erscheint, abgesehen vom cover ist dieses Buch meines Erachtens wie neu, für 15,50 Euro bekommen sie wahrscheinlich kein besseres". Ergo: Abgesehen von den ganzen Mängeln, Stempeln, Knicken etc. ist das Buch "wie neu", logisch oder? Im übrigen ist die werteste Hochschulrektorin.

    Gehaben Sie sich wohl

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  2. Lieber W. aus G.,

    vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. - Sie können sich vielleicht denken, daß ich mich für meine Geschichte ein wenig absichtlich in die Rolle dessen manövriert habe, der sich nach Feuerzangenbowlenmanier "mal janz dumm" stellt, um sich selbst zu erklären, "wat 'ne Dampfmaschin' eijentlich is'"? Natürlich roch die ganze Geschichte vom ersten Augenblick an. Die angegebene ISBN-Nummer z.B. schien für mich auf einen Nachdruck hinzuweisen, mit dem ich auch zufrieden gewesen wäre. Andererseits habe ich über Amazon.co.uk (das hatte ich wohlweislich verschwiegen) einige bedeutende Bibliographien (Higgs, Krivatsy) unter ähnlichen Umständen erfolgreich erworben. - Im Nachhinein bin ich für eine gute Geschichte dankbar, die mit 2,70 Euro billiger als jeder Kinobesuch war.

    Worauf ich hinauswill: Das Ganze ist eine Art Glücksspiel, mal geht es gut, mal nicht; von einem qualifizierten, voraussehbaren Ablauf des Handels kann nicht ausgegangen werden. Dieses Treiben aber ist dem antiquarischen Buchhandel unangemessen und unwürdig; freilich auch nicht nur auf Amazon beschränkt, wie Ihr Beispiel zeigt (Hochschuldirektorinnen, die nebenher bei Booklooker Bibliotheksexemplare verticken: Das Volk der Dichter & Denker ein solches von Krämern, au fein).

    Ich habe mich schon am Anfang meiner Arbeit als Antiquar im Nordwesten Deutschlands nicht genug darüber verwundern können, daß entweder hilflose oder aber auf Schnäppchen schielende Menschen auf den Flohmärkten manchen Händlern, die sich ihre Hose mit der Kneifzange zumachten, begeistert hohe Summen für irgendeinen unvollständigen und mäßigst erhaltenen Büchermulm in den Rachen warfen, während in den seriösen Ladengeschäften die Leere gähnte. Auf einen ähnlichen Effekt führe ich die Erfolgsgeschichte von Amazon Marketplace zurück: Das maghrebinische Durcheinander von Privatanbietern und Händlern, die absurden Preisgestaltungen, die apokryphen Titelofferten müssen so eine Art installierten Dauer-Flohmarkteffekt produzieren, der zum Kaufe reizt. Die naive Idee, daß Qualität allein eine verkaufsfördernde Bedeutung zukäme, habe ich jedenfalls schon lange friedlich begraben.

    Mit besten Grüssen, Ihr OW Plocher

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  3. Lieber P. aus A.,

    vergessen Sie bitte Ihre objektivistische, rational handelnde Traumwelt. Sie ist nicht so, weshalb sämtliche Theorien einzelner Wissenschaften, die vom rational Handelnden ausgehen regelmäßig ad absurdum geführt werden und brotlose Kunst sind.

    Die Marktplätze des Internets sind Spiegelbilder unserer Gesellschaft. Sie finden vom Scharlatan bis zum überkorrekt arbeitenden Händler alle Facetten quer durch ALLE Plattformen. Aber das wissen Sie selbst. Sie sind schließlich selbst Teil des Ganzen und ich zitiere mal eben einen Antiquar aus dem Norden unserer schönen Heimat: "Zeigen Sie mir eine andere Branche, in der sich soviele originelle Charaktere, abseitige Individualisten, Jean-Paul-im-Tode-Verkörperer und andere seltene Fische finden, die Sie alle für Ihr privates humoristisches Naturalienkabinett auftrocknen können! [...] Es ist doch eines der aberwitzigsten Tollhäuser, in dem wir uns hier in Zeiten des Spätkapitalismus tummeln dürfen...".

    Amazon und ebay sind die Warenhäuser die Karstadt, Hertie und Kaufhof mal waren. Bei vielen unserer geschätzten und weniger geschätzten Mitmenschen ist doch bei Waren des tägl. bis jährlichen Bedarfs der erste und zumeist auch einzige Gedanken "Amazon" oder/und "ebay". Die haben alles. Stimmt ja auch nahezu und wir wissen es doch alle, im Grunde genommen ist es ganz gut, dass es Gesetze zum Schutz des Verbrauchers gibt. Nicht weil die Verkäufer so böse sind, sondern die Kunden mitunter äußerst dämlich. Als Verkäufer müssen wir uns nicht auf die Seite der bösen Verkäufer stellen, wir können uns aber die Facetten der Käuferschicht nutzbar machen und davon profitieren. Mit guten Titelaufnahmen und mindestens gutem Zustand kann ich auch guten Gewissens gute Preise dranschreiben. Mit alldem zusammen, hebt sich jeder von uns noch immer von der Mehrheit der Konkurrenz ab, zumindest im weniger hochgestochenen Gebrauchtbuchbereich.

    Im übrigen, werter Herr, ist hier recht deutlich sichtbar geworden, dass es sich bei Amazonien ganz eindeutig eben um keine antiquarische Plattform handelt, sondern um eine schnöde Gebrauchtbuchplattform. Das macht die Geschichte keinesfalls besser oder entschuldbar, allerdings sind die Erwartungen an Antiquariate und Plattformen die sich als antiquarische Plattform darstellen grundlegend andere. Und so wie die Ware, so auch häufig der Verkäufer. Ramsch bleibt Ramsch. Erfolgreich sind die Geschäftsmodelle wie ebay und Amazon weil jeder mitmachen kann. Da fühlt sich plötzlich jeder zu höherem berufen und meint es selbst auch gut hinzubekommen. Das scheint deutsche Mentalität zu sein. Verticken, feilschen, handeln und sich wie Bolle freuen, wenn man bei Amazonien für 0,01 Euro seinen Schulgoethe verschleudert. Da wird der Preis eben immer tiefer runtergesetzt, weils der Konkurrent ebenso macht, ohne sich mit dem Titel selbst auseinanderzusetzen. Nun gut, so ist die Zeit eben und leben können wir ja irgendwie trotzdem und mich dünkt, Sie trotz allem nicht allzuschlecht.

    Es grüßt ein schnöder Gebrauchtbuchverkäufer!

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  4. Lieber W. aus G.,

    bin mit allem d'accord; auch mit der Feststellung, daß es auf allen Plattformen eine breite Spannweite von Anbietern durchaus verschiedener Qualität gibt. Nur wird's durch die Abwicklung und Segregation von Kunden und Händlern bei Amazon besonders heikel.

    Das Zitat des norddeutschen Kollegen hat mir gefallen; scheint sich um ein lustiges Menschlein zu handeln.

    Gute Umsätze und viele Grüße über Weser, Elbe und Havel.

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  5. Lieber P. aus A.,

    die Abwicklung an sich ist schon gut. Erst Cash, dann Ware. Leider bleibt die Kommunikation arg auf der Strecke und die Rechtshinweise entdeckt der Käufer lediglich mit der Mentalität eines Maulwurfes. Da wird der gewissenhafte Käufer schnell zum Carabus der Unterseiten und nach derlei Erfahrung die Sie nun ihr eigen nennen auch ganz hurtig zum Cervus lucanus. Insofern ist Amazonien ein hübsches Schlupfloch für den "Jedermann-Händler". Mein Leben wäre ohne jene allerdings um einiges ärmer.

    Gott sei Dank weiß der Durchschnittsamazonist nicht welche Macht er mit seiner Bewertung gegenüber dem Verkäufer hat und wie die Daumenschrauben aussehen, die Amazonistan dann anlegt. Für Klein- und Kleinsthändler existenzgefährdend, für größere Minimum imagegefährdend.

    dos-à-dos Ihr submissester Serviteur

    W. aus G.

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