Montag, 14. September 2009

Maxima in Minissimis


für Hartmut Erlemann

Wenn das Schicksal, liebe Leser, uns 1 Zeichen gibt, dann heißt es: Kopf einziehen, beten, und kleine Brötchen backen. Wie? Stimmt so nicht? Paßt aber schön zu meiner heutigen Buchvorstellung. - Neulich hatte ich mich ja schon mit einer Duodez- und Etuiausgabe des Katzenberger befaßt (übrigens traf gestern ein weiteres Exemplar in einem wunderschönen, etwas beschabten roten Leineneinband mit reicher arabesk-floraler Deckelvergoldung und Goldschnitt aus der Bibliothek des Wiener Hofrats Josef Loos ein, die Katze läßt das Mausen halt partout nicht, siehe hier):























Weil ich neulich also schon in Doudez machte, muß ich heute schon sehr klein werden und - zeige Ihnen ein Buch kleinsten Formats, den etwas über 2,5 Zentimeter großen Miniatur-Almanach für das Jahr 1843 aus dem bekannten Pariser Miniaturbuch-Verlag Marcilly.

Zunächst die Titelaufnahme:

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[Anonym]: La Miniature.

Paris: A Marcilly 1843 [1842].

32° (26 : 18 mm). 64 Seiten. Mit 6 Kupferstichen. Roter flexibler Original-Maroquinband des Verlags mit vergoldeter, umlaufender Deckelbordüre, floralen Zentralstempeln, sternförmiger Rückenvergoldung und Goldschnitt.

Grand-Carteret: Les Almanachs francais 2333. - Miniature Books from the Collection of Doris Varner Welsh 5025: „La Miniature, 1843 [Almanac] Paris, A. Marcilly [1842]“ - Nicht bei Spielmann (Catalogue of the Library of Miniature Books collected by Percy Edwin Spielmann) und Mikrobiblion (Petri: Das Buch von den kleinen Büchern. Bibliographie der Sammlung Vera von Rosenberg) - Bondy erwähnt in seinem Standardwerk Miniaturbücher - Von den Anfängen bis heute (München 1988) die Almanache des Verlags nur summarisch. - Der schöne Einband etwas verzogen, Ecken bestoßen. Vorderes Außengelenk mit minimalen Einrissen. Vorsätze gebräunt, vorderes Innengelenk gelockert. Einige kleinere Eselsohren. Letztes Textblatt mit kurzem Einriß.

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Ich verzichte auf alle Späße, die sich bei einem Werk dieser Größenordnung aufdrängen wie etwa den Hinweis darauf, daß das Exemplar naturgemäß nur kleine Mängel aufweist, daß es sich insbesondere für Sammler in kleinen Wohnungen eignet, das Format zwar klein, die Verlustgefahr aber groß ist und eine Lektüre sich im Bett verbietet, da die Bettwanzen an dem Band Gefallen finden und ihn leicht verschleppen könnten, und gebe vielmehr unumwunden zu, daß ich gegen Miniaturbücher eigentlich immer kleine Vorurteile gehegt habe, die weitgehend mit denen gegen Puppenstuben und ihre Liebhaber übereinstimmten: Mir war das immer zu niedlich, zu sehr auf den (Miniatur-)Effekt hin drapiert. Das war sehr dumm von mir, und ich leiste hiermit Abbitte.

Eine erneute Lektüre von Petrarcas legendärem Mont Ventoux-Erlebnis, das ja den Anfang neuzeitlicher Naturästhetik markieren soll, hat mein Interesse an kleineren "Handexemplaren", den Vorläufern der "Pocket-Books", geweckt: Petrarca schreibt, daß er auf dem Gipfel des Berges eine Augustinus-Ausgabe, die er immer mit sich führte, zur Lektüre benutzt habe (Confessionum Augustini librum quem habeo semper in manibus : Die Bekenntnisse Augustinus', die ich immer in meinen Händen habe / mit mir führe). Es mußte sich also um eine recht kleine Ausgabe gehandelt haben, genauer: um ein kleines Manuskript (Petrarca bestieg den Mont Ventoux 1336). Vielleicht nicht gerade im Miniaturformat gebunden, das je nach Definition bei 10 cm Rückenhöhe endet, möglicherweise im Elzevier- oder Cazinformat (11-13 cm). - Kurz danach hatte ich das Glück, einen frühen Miniatur-Druck aus der Presse des bekannten Antwerpener Drucker Plantijn (ca 35 mm Rückenhöhe) vom Ende des 16. Jahrhunderts in einem zeitgenössischen Einband bei einem Sammler in den Händen halten zu dürfen. Das hat mich vollends von der Bedeutung des Gebiets überzeugt.



Als mir etwas später der vorliegende, wirklich sehr kleine Almanach angeboten wurde, konnte ich schlechterdings nicht widerstehen, zumal er mit sechs entzückenden und fein gearbeiteten Kupferstichen versehen ist und im einen schönen, in meiner Photographie farblich leicht abweichend wiedergegebenen, roten Maroquineinband gebunden ist.


Der Amsterdamer Antiquar Abraham Horodisch, der auch selbst Miniaturbücher verlegte, hat in der Zeitschrift Aus dem Antiquariat (Jahrgang 1978, S. 39ff.) einen ausgezeichneten Aufsatz Über Bücher kleinsten Formats geschrieben, der sich vor allem den frühen Exemplaren dieser Gattung widmet. Horodisch betont ausdrücklich, daß es sich bis ins 18. Jahrhundert hinein bei den Bänden kaum um zu bibliophilen Sammlerzwecken gedruckte Bände gehandelt hat, sondern um Gebrauchsbücher, und bringt eine Vielzahl von Beispielen, angefangen in der Inkunabelzeit. Die Fülle der Belege allein für die Frühdruckzeit und das 16. Jahrhundert ist enorm und die kenntnisreichen Kommentare des Verfasser ein Vergnügen. - Im 19. Jahrhundert wurden die Drucker sich dann der Miniaturbücher als Sammelgebiet (und als Medium der Präsentation ihrer handwerklichen Virtuosität) zunehmend bewußt, es finden sich vermehrt Anspielungen auf die exotische Besonderheit der Gattung in den Büchern selbst wieder, wie schon der Titel unseres Almanachs, La Miniature, beweist. Horodisch bemerkt zwar: ...die reizenden, meist illustrierten Ausgaben von Marcilly (Paris zwischen 1810 und 1840, größtenteils auch von Didot gedruckt) sind heute gesuchte Bibliophilenstücke, bei Erscheinen waren es Büchlein für die Kinder und nichts mehr, aber für unseren etwas späteren Almanach gilt das nur bedingt. Er steht am Ende einer Hochphase der Miniaturbuch-Produktion und reflektiert die eigene Gattung. Er will bereits auch ein Sammlerstück, eine bibliophile Kuriosität, ein Bibelot sein und verweist damit auf die Produktion der Miniaturbücher des 20. Jahrhunderts, die sich bewußt auf ihre eigene kuriose Tradition beziehen; von den Miniatur-Wörterbüchern, die man auf der Reise mit sich führt, einmal abgesehen. - Ich geben Ihnen noch zwei Bilder, die die Dimensionen des Büchleins anschaulich machen:


















Das sehr zu empfehlende Standardwerk von Louis Wolfgang Bondy (Miniaturbücher. München 1988. - Louis W. Bondy: So muß ein Mann aussehen, und nicht wie ein gegeelter Fex!) widmet den französischen Almanachen im Miniaturformat ein eigenes Kapitel. Ich zitiere im folgenden Passagen daraus:

Frankreich ist möglicherweise das Land, in dem die Kunst des Almanachs ihren Gipfel erreichte. Zahlreiche dieser Publikationen wurden im Miniaturformat publiziert und waren so winzig, daß sie heute als "almanachs microscopiques" klassifiziert werden.
Eine große Anzahl kleinerer Almanache, die in Paris im 18. und 19. Jahrhundert erschienen [...] sind alle durchgängig gestochen und mit wunderschönen ganzseitigen Tafeln illustriert. Ihre Maße betragen zwischen 22 x 16 mm und 28 x 19 mm - ein wirklich sehr kleines Format. Die meisten Exemplare sind in zeitgenössisches Maroquin gebunden, die Mehrzahl in rotes oder rotbraunes.
Diese mikroskopisch kleinen Almanache nahmen ihren Anfang in den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts. Da sie in der Hauptsache als Geschenke für Damen oder junge Leute gedacht waren, wurden sie oft von Schokoladegeschäften, Konditoreien etc. als Neujahrsgaben an die besten Kunden verteilt. Castaing gibt in seiner Liste französischer Miniaturalmanache an, daß sechs zwischen 1765 und 1784 herausgebracht wurden, 19 zwischen 1789 und 1803, 39 zwischen 1816 und 1830 und 13 zwischen 1831 und 1850.
Die meisten Almanache [des frühen 19. Jahrhunderts, OWP] tragen den Druckvermerk von Jubert, Janet, Marcilly [unser Exemplar] oder Le Fuel. Sie enthalten alle Lieder und hübsch gestochene Tafeln zur Illustration der Texte; gelegentlich sind auch Musiknoten dabei. Sie umfassen 64 Seiten, darin eingeschlossen der obligatorische Kalender. Ihre Titel spiegeln den vergnüglichen Inhalt wieder [wie in unserem Fall die Gedichtüberschriften auf Freundschaftskult und Fabelwelt verweisen: Le Gondolier - Vive la Gaité - A Bacchus - L'Ours et le Renard - Minuit - L'Hiver; OWP].














Es handelt sich bei unserem Büchlein, wenn es auch sicherlich nicht zu den großen Raritäten unter den Miniaturbüchern zählt, also um ein recht späten, nicht allzu häufigen Almanach. Leider liegt mir derzeit die Liste von Roger Castaing: Almanachs minuscules francais (1959 im Pariser Bulletin du Bibliophile erschienen) nicht vor, sonst könnte ich Ihnen mehr über die französischen Almanache der Zeit berichten: Der Nordwesten ist in dieser Beziehung leider notorisch unterversorgt; die Universitätsbibliothek Oldenburg hat sich auf den Erwerb mit dem Tag des Erscheinens veraltender pädagogischer Schriften und "Gender-Study-Literature" spezialisiert. Allerdings ist mein bibliographischer Ehrgeiz angefeuert und Fernleihen wurden bereits in Auftrag gegeben.















Zwei weitere Beispiele für die reizvollen Kupferstiche und die dazugehörigen Gedichte. Die Darstellung ist wegen des kleinen Formats schwierig; die Scanbilder verzerren die Ränder etwas. Deutlich ist zu erkennen, daß beim Falzen und Schneiden des Bogens (die 64 Seiten des Buchs sind auf einem Bogen gedruckt) sich kleine Fehler rächen: Das rechte Kupfer ist gegenüber dem Textrahmen etwas verrutscht.

Ein kleiner Hinweis zum Schluß: Wenn man den floralen Zentralstempel auf den Deckeln des Bändchens mit den Stempeln vergleicht, die sich bei Oktavbänden oft als florale Rückenvergoldung wiederfinden, wird man leicht feststellen, daß es sich um einen "zweckentfremdeten" Stempel handelt, der nicht extra für unser Bändchen angefertigt wurde: Das Stempel-Material war immens teuer! So wirkt die verwendete Blume fast ein bißchen überdimensioniert.

Der Band -diesen Hinweis dürfen Sie aber gerne überlesen- wird von uns auf der Hamburger Messe Quod Libet vom 13.-15. November ausgestellt und ist ab sofort um ein Geringes käuflich zu erwerben. Denn was sind heutzutage schon 100 Euro? Nichts. Und was ist wenig mehr als das dreifache von nichts? Immer noch fast nichts. Und das incl. Mehrwertsteuer.

Ich verabschiede mich von Ihnen mit einem letzten Kupferstich im Format 19 x 12 mm und dem dazugehörigen Gedicht aus dem Werkchen, das dem (auch uns bald drohenden) Winter gewidmet ist: L'Hiver.


L'Hiver

Le ciel est sans couleur
La terre est moissonnée
Nos près n'ont plus d'odeur
Et leur herbe et fanée.

Les bergers
tout transis
Sous des brises
humides.

En cercle
sont assis
Près de grands
feux timpides.

Dans le fond
de nos bois
Régne un
morne silence.

La nature
est
sans voix
C'est l'hiver
qui
commence.

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Vielen Dank für Ihr Interesse, Ihr OW Plocher


Kommentare:

  1. Sehr schön: Das Buch, aber noch schöner die Beschreibung.

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  2. Text und Bilder sind liebenswert. Man lehnt sich getröstet zurück und stellt fest: Es gibt noch Antiquare mit Herz und Gemüt.

    Solcher consolatio dringend bedürftig, nach langer Sonntagswanderung durch die Steinwüsten anderer Webseiten anderer Antiquare, freut sich und sagt Dank
    Kro.

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  3. " Aber immer stärker wächst die Zahl derer, die, das Treiben unserer Parteien betrachtend, sich sagen, dass selbst die Wahl des kleineren Übels hier unmöglich sei, weil auch das kleinste eine absolute Größe erreicht hat, die unerträglich ist." (Die Unerträglichkeit des Kleins) (KK)

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  4. Die Unerträglichkeit des Kleins: Diese sollte keineswegs als Gegen-Verkaufsargument mißverstanden werden. - Auf den Schreck werde ich heute Abend erst einmal eine Folio-Kartoffel mit Kräuterquark zu mir nehmen müssen.

    Der Chef

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  5. Lieber Herr Plocher,

    Eigentlich sind Sie ein kaufmännischer Fuchs. Sie beschreiben das Buch detailliert, verlieren aber über die Uhr kein Wort.

    Am Montag, den 28. September 2009, um 20 Uhr, nach dem ersten Weinglas, möchte ich den Preis für die Uhr erfahren.

    Schönes Wochenende, HE

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  6. Lieber HE,

    nur Sie haben mich bislang durchschaut. - So soll es sein: Am 28.09.2009, um 20.05 Uhr, ist Ihnen der Preis derselben bekannt. - Ich freue mich also auf Montag Abend.

    Ebenfalls ein schönes Wochenende, Ihr OWP

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