Dienstag, 4. August 2009

Rührendes Dokument kindlicher Bücherliebe


Liebe Leser,


Kinder sind doch was Schönes, vor allem, wenn sie das tun, was man will, und erst recht, wenn sie das tun, was zu wollen man nie gewagt hätte. Diesen Blog-Eintrag widme ich meiner Tochter Emily, die morgen ihren Dienst in der ersten Klasse des Gymnasiums antritt. Möge ihr Schicksal leicht werden!


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Mesdames et Messieurs, halten Sie Ihre Taschentücher bereit. Ich möchte Ihnen von einem anrührenden Zeugnis kindlicher Bücherliebe aus den Weiten der norddeutschen Ödmark berichten, welche in den Annalen der Bibliophilie einen Ehrenplatz einnehmen wird. Das Wunder manifestierte sich am ersten Tag des Erntemondes im Jahre MMIX in Süderschwei, Gemarkung Achterstadt, gegen 8.00 Uhr morgens, während der brave Landmann, gebeugt von Orkan und Regenschlag, mühselig die Krume bestellte und der Verfasser dieser Zeilen, ermattet von nächtlichen Studien, sich ahnungslos noch auf dem Lager wälzte.


Oh, während die Kinderwelt schon fest im frostigen Würgegriff der X-Boxes, Nintendos und Playstations lag, wuchs unter dem Leichentuch dieses ewigen Eises der Lebenszerstäubung noch ein zartes Blümlein des Guten, Wahren und Schönen heran, zu verwundern die Gelehrten, zu erstaunen die Laien... ein wenig bildlich gesprochen, ach gar.


Die Vorgeschichte nur schnell erzählt: Der Kollege Keller, ein strenger aber gerechter Nachfahre des Giannozzo Jean Pauls (Gott allein weiß, wo dieser braver Mann derzeit seine Schäflein scheert) hatte mich derb gegeißelt, weil ich die elfbändige „Geschichte der königlichen Akademie der schönen Wissenschaften zu Paris“, die Mutter aller Akademieschriften, in eine -wenn auch nur virtuelle- Nähe zu den „Moralischen Vorlesungen“ des Spätpietisten Christian Fürchtegott Gellert gerückt hatte (beide dienten mir als Hintergrundbilder).


Die Sache gab mir zu denken. Sollten sich die beiden Werke, in der realen Welt meines Bücherregals tatsächlich nah beieinander stehend, etwa neutralisieren wie zwei Salze? Nähme der Gellert eventuell den Pariser Akademisten etwas von ihrer kühlen cartesischen Klarheit, saugten die weltmännischen Franzosen dem Fabeldichter sein hypochondrisches Duodezleben aus? Stand sogar eine Neuauflage der erbarmungslosen Schlacht der Bücher in der Library of St. James zu befürchten, die Swift so eindrücklich geschildert hatte? Vorsichtshalber trennte ich die beiden Reihen und stapelte die Pariser zur Linken, den Verfasser der „Schwedischen Gräfin“ zur Rechten des Tisches, getrennt von einigen Folianten des in allem ziemlich neutralen British Museum General Catalogues und ging ins Bett.


Am Morgen danach schlich mein Kind in aller Herrgottsfrühe in die Bibliothek, um auf Youtube ungestört 10-20 Folgen von „OC California“ bzw. „Die Simpsons“ in sich hineinzugucken und zeitgleich einen Berg Chips mit Gummibärchen zu verschlingen, entdeckte die Akademieschriften, vergaß Youtube, Chips, die Simpsons und verfertigte, überwältigt von der ästhetischen Qualität der paneelierten Ledereinbände, dem Glanz der diversen umlaufenden Goldfileten, der Accuratesse der von dem Zierwerk eingegrenzten, dreifarbig gesprenkelten Rhomben, Dreiecke und Trapeze, die nebenstehende Zeichnung.


Daß sich bei der Abschrift des Titels ein bedeutender Fehler eingeschlichen hatte („Wissenschaft“ statt „Wissenschaften“), war dem unschuldigen Menschlein leicht zu verzeihen, führte aber zur Streichung der Tagesration an Fruchtzwergen. Man vergleiche den kindlichen Entwurf mit dem oben abgebildeten Original! Dafür, daß die Eckfleurons nicht adäquat dargestellt sind, hat sich das kleine Wesen bereits unter Tränen bei mir mit den Worten entschuldigt: „Vater, verzeih’ mir bitte, daß die Eckfleurons nicht adäquat dargestellt sind!“ – Nun ja, man ist ja kein Unmensch. Es kostete mich große Überwindung, ihr die Erdbeeren mit Vanillecreme zu verweigern; freilich war die Portion schon für mich klein genug.


Abgesehen von diesen -zugegebenermassen eklatanten- Mängeln in der zeichnerischen Titelaufnahme (die ich trotzdem vielen schriftlichen, im Internet gefundenen, vorziehe) lehne ich mich zurück, falte die Hände und schaue zufrieden auf die Frucht meiner Lenden, mich in der ruhigen Sicherheit wähnend, daß die unnachgiebige Strenge meiner bibliographisch-bibliophilen Erziehung, gepaart mit der erbarmungslosen Dressur bei der Unterscheidung und Beschreibung von Einbandvarianten, Papierqualitäten und Typographien, daß all die Stunden des Auswendiglernens von Haemmerles „Buntpapier“, von Otto Schäfers „Einbandkunst aus sechs Jahrhunderten“ und Bogengs „Die großen Bibliophilen“ nicht gänzlich auf unfruchtbaren Boden gefallen sind...



Wie? Alles erfunden und erlogen? Naja, nicht ganz.


Das Bild ist wirklich unbemerkt und ganz aus freien Stücken entstanden Reine Freude am Spiel hat meinem Töchterlein den Buntstift geführt – Mit Geschrei trieb sie mich aus dem Bett, die Zeichnung zu belobigen und an prominenter Stelle aufzuhängen – Stolz wie ein Brontosaurus war sie auf das Gemalte und wurde nicht müde zu betonen, dies sei das beste Bild ihres Lebens, ob mir das wohl aufgefallen sei? – Jede schüchterne, von mir nur zu Alibizwecken vorgebrachte Kritik wurde gnadenlos niedergeknüppelt – Zu vollem Glanze erstrahlte das neu gewonnene Selbstbewußtsein bei der von mir erbettelten Signierung des Götterwerks – Ein maghrebinisches Feilschen um unmässigen Lohn für das Gemalte hob an – Der Rest des Tages war, wie billig, der Récréation, vulgo: dem "Chill-out" gewidmet Apokalyptische Mengen von Fruchtzwergen und Erdbeeren mit Vanillecreme wurden, in Kauerstellung vor dem brüllenden Fernseher, verschlungen – Und schließlich teilte das kleine Mensch mir mit, daß es durch die vollbrachte Großtat nunmehr „ein richtiger Antiquar“ geworden sei – und das ist doch a) kaum zu leugnen und b) wohl das Allerschönste an der Geschichte, oder?


Bitte nehmen Sie diesen Bericht als Produkt tumben Vaterstolzes und launiges Sommerintermezzo gnädig auf. "Es kommen härtere Tage".


Mit freundlichen Grüssen Ihr Otto W. Plocher

Kommentare:

  1. Lieber Herr Plocher,

    ich darf mich freuen für Ihren Aufsatz über die Bücherliebe von Ihrer Tochter. Es ist ein anderer Beitrag von Herrn Stein erschienen, der befaßt sich auch mit der Jugend und der Bücherliebe.

    Ja, es ist schon so, daß einmal der erste Tag ist, an dem man einen Faden findet. Und man weiß nicht, wenn man so „ein kleines Mensch“ ist, wie Sie es schreiben, woher der Faden gekommen ist, aber er ist ein bißchen bunt und es macht Spaß, daß man mit ihm spielen kann. Und dann nimmt man den Faden so fest in die Hand, daß er nicht wegfallen darf, und man beginnt auch, den Faden zu ziehen und man will doch schauen, wo das Ende von dem Faden ist. Und bei dem Ziehen weiß man dann, daß es nicht ein Ende gibt, aber es kommen noch mehr Faden heraus, so das wird ein bißchen kompliziert, sie alle in der Hand zu halten. Und dann gibt es noch einen Knoten, da muß man die Faden alle weg legen und versuchen, den Knoten los zu machen, das ist nicht so einfach. Und wenn man alt geworden ist, kann man den Berg von Faden gar nicht mehr überschauen, so es macht schon noch Spaß, aber es ist nicht mehr so wie es am Anfang war, als man ein ganz kleines Mensch war. Und ganz am Ende, da zieht man nicht mehr die Faden, weil die Kraft auch fehlt. Aber man hat ja schon eine Sammlung von Faden, so es ist die Zeit angekommen, daß man nur noch ein paar Faden in die Hand nimmt und genau anschaut und auch ein wenig „Lebewohl“ sagen muß.

    Ich glaube es ganz sicher, das es so war bei Ihrer Tochter, wenn sie das Bild gemalt hat, nicht wahr? So sie hat einen Faden gefunden, den hat sie ganz gerne gehabt und ihn genommen und fest gehalten. Und ich glaube auch, daß Sie das auch denken, warum haben Sie es sonst so aufgeschrieben? Sie haben es sehr humorvoll gemacht, aber das ist die Farbe auf dem Untergrund, der ganz ernst ist. So es ist ein bißchen paradox und auch ein bißchen melancholisch und ein memento mori für uns, nicht wahr?

    Das wollte ich Ihnen noch schreiben, bevor ich wegfahre. Einen schönen Gruß an Emily und Wünsche für alles Gute sendet Ihnen

    Ihr Geert de Kuyper

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  2. Lieber Herr de Kuyper,

    ich habe bei der ganzen Hektik und den technischen Problemen mit Blog und Internet Ihren Kommentar erst jetzt gefunden und möchte mich ganz herzlich bei Ihnen dafür bedanken.

    Was soll ich sagen? Sie haben mein Naturell mit Ihrem Gleichnis besser geschildert, als ich es je könnte. Ich bin einigermassen sprachlos.

    Sie aber sollen die Fäden noch lange nicht aus der Hand geben!

    Beste Grüße Ihr OW Plocher

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