W.G. Sebald
Wie viele Menschen sind vollständig vergessen, haben keinerlei Einträge in biographischen Lexika, werden nicht einmal in genealogischen Verzeichnissen genannt, sind im World Wide Web mit keiner Suchmaschine zu finden? Wie viele haben keine Angehörigen, die ihrer gedenken, keine Freunde und Bekannte? Die zweite Generation mag sich noch an die Großeltern erinnern, auf deren Schoß sie saß, und den eigenen Kindern davon berichten. Vielleicht erkennen diese noch die Urgroßmutter auf einem der alten, vergilbten Fotos, besitzen noch die Taschenuhr des Urgroßvaters. Für deren Kinder ist, wenn nicht gezielt die Erinnerung vermittelt wird, der Ururahn nur noch ein blasser Schatten. Die Flohmärkte sind voll von Fotografien, kaum ein Jahrhundert alt, die bei der Haushaltsräumung des letzten Nachkommen herrenlos geworden sind (zynisch gesprochen: aus der Sippenhaft entlassen wurden). Wer ist die elegante Dame mit dem Sonnenschirm auf dem Atelierbild eines Bremer Fotografen? Frau eines Reeders, Vertreterin einer großen, untergegangenen Dynastie, deren Nachfahren in alle Winde verstreut sind? Und wer war der bärtige, kleine Mann vor dem Bauernhaus auf dem zerknitterten Kleinbild? Ein Tagelöhner? Leben seine Urenkel noch heute auf dem Hof und fühlen sich als Glieder in einer Kette von Hoferben, in der ihr Urahn einen festen Platz einnimmt? Oder haben nur seine Neffen und Nichten sich noch über den kinderlosen Sonderling lustig gemacht, und danach keiner mehr?
Als einer der Wenigen meiner Generation bin ich in einer Großfamilie aufgewachsen und war ganz umgeben von Vergangenheit. Mit uns lebten meine Großeltern und deren Geschwister, und auch an meinen Urgroßvater August Großmann (Jahrgang 1886) kann ich mich noch gut erinnern als einen unendlich gelassenen, weißhaarigen Mann mit Zwirbelbart, Weste, Uhrenkette, der das heitere Christentum eines Johann Gottfried Herder, seines Landsmannes, pflegte, oft und herzlich lachte und jeden Tag stundenlang in seinem breiten, gemütlich-ostpreußischen Dialekt mir Vorschuljungen vom Ersten Weltkrieg und der Zeit davor berichtete, etwa, wie sein Urgroßvater (dessen Geburtsjahr in die Zeit der Befreiungskriege fällt) beim Honigschleudern die Waben nie richtig gründlich ausgeleert habe, damit für die Preußisch Eylauer Dorfkinder noch genug Honig zum Auslecken übrig gewesen sei. Der Urgroßvater habe dann beim Weggehen so getan, als ob er die kleinen Räuber nicht bemerke, und sei mit theatralischem Geschrei später hinter dem Schuppen hervorgebrochen, um die Lorbasse scheinbar zu bestrafen, die in alle Himmelsrichtungen davonstoben.
Eine Tochter meines Urgroßvaters war meine geliebte Großtante Gertrud, die mit ihrem Mann ebenfalls mit uns zusammen lebte. Sie hat mich über meine ganze Kindheit und Jugend hinweg mit ihrer Fürsorge und Liebe begleitet. Obwohl sie in ihrem ganzen Wesen im 19. Jahrhundert verwurzelt war, stand sie meinen Lebensvorstellungen und Eskapaden mit größter Offenheit und Toleranz gegenüber. Sie selbst war in ihrer Jugend eine außergwöhnlich selbständige, fast maskuline und sportliche, schwarzhaarige Schönheit, hatte früh den heimatlichen Hof verlassen, um in Königsberg bei sog. "besseren Herrschaften" und später im Natangischen bei den Freiherren von Kalkstein als Hausmädchen "in Stellung" zu gehen, fuhr mit ihrem eigenen Motorrad auf den ostpreußischen Alleen spazieren, ritt wie der Teufel und spielte entzückend Mandoline. Ihre größte Freude war es in späteren Jahren, mir beim Motorradreparieren mit der Bemerkung "Is' aller nuscht!" ("Taugt heute alles nix mehr") zuzuschauen. Schon über meine Mutter hatte sie in den Kriegsjahren zusammen mit ihrer Schwester, meiner Großmutter, gewacht, dann in der "Russenzeit", als die Gefahr am größten war, die Familie durchgebracht, um später nach der unvermeidlichen "Flucht" in den Westen ebendort sich nie wirklich wohlfühlen zu können. Wie bei vielen Flüchtlingen wuchs von Jahr zu Jahr die Erkenntnis, daß die natangischen Wälder dunkler, die Sommer wärmer und die Winter noch richtige Winter waren. Die dörfliche Gemeinschaft in den kleinen Siedlungen des Stablacks, die Lieder- und Handarbeitsabende, der Kirchenkreis (der den Schilderungen nach mehr einem Back- und Damenclub glich) und die Idylle des Gutshauses, in dem ihr Vater Kutscher und enger Vertrauter des Gutsherren war, schien unersetzbar. Den Tod ihres Mannes und den frühen Tod meiner Mutter, ihrer über alles geliebten Ziehtochter, konnte sie, als letzte Überlebende der alten Generation, nicht verkraften. Und so gab sie, die eigentlich immer Nüchterne und klar Verstandesmässige, in den letzten 10 Jahren ihres Lebens sukzessive diese geistige Selbständigkeit auf, kündigte die Verantwortung "fier dieset Schlamassel" und flüchtete in eine Traumwelt, durchquerte in Gedanken die endlosen Wälder des Stablacks oder ging innerlich an der Ostseeküste zwischen Cranz und Rauschen spazieren, in ihrer Phantasie zu einem kleinen blonden Mädchen flüsternd, das unschwer als meine Mutter in ihren Kinderjahren zu erkennen war: "Sinniere man nich', de lewe Jott ward aller wedder joot moke!" ("Mach Dir keine Sorgen, der liebe Gott wird alles wieder gut machen"). Sie hatte einfach keine Lust mehr auf eine Welt ohne die Menschen, die sie geliebt hatte, und "et genaute sich ja ock nich' so" ("es kam so genau darauf ja nicht mehr an").
In den letzten 4 Jahren war sie, die trotz ihrer 1,50 Meter über große, wohl aus der schweren Landarbeit herrührende Kräfte verfügte und mich bei unseren Kämpfen noch als Schuljunge leicht niederstreckte (man sprach nicht umsonst von der "Tanntrude" statt von der "Tante Trude"), auch körperlich ein Pflegefall, stellte das Sprechen bis auf wenige legendäre apokryphe Äußerungen vollständig ein und lebte von Milchreis, Nutellabrot und Süßigkeiten, die ich in sie hineinfütterte. Ich war nach meinem Studium heimgekehrt, um sie zu pflegen; ein Altenheim kam nicht infrage. Zwei Jahre vor ihrem Tod gründete ich, halb aus der Not heraus, mein Antiquariat, nicht wissend, wie lange ich durch die Pflege noch gebunden wäre und ob ich nach dieser Erfahrung überhaupt an die Universität zurückkehren wollte. Ich wollte nicht. - Tanntrude starb 85jährig still, friedlich und vergnügt im Dezember 1996.
Heute hätten wir ihren 100. Geburtstag gefeiert, und ich denke in Dankbarkeit und Rührung, aber auch mit Schmerz an sie und all die anderen, die vor ihr und nach ihr gegangen sind, die ich einst kannte und mit denen ich an der Tafel saß. Mögen ihre Plätze nie vergessen werden!

Toll ! Denk-mal im Netz.
AntwortenLöschenGrüße,
Christoph Schäfer
Deine Erzählung hat mich sehr gerührt, Otto. Ich trage ähnliche Erinnerungen an meine Urgroßmutter in mir. Sie leben alle in uns fort…
AntwortenLöschenIch danke Dir und vermisse unsere seligen Bamberger Zeiten.
Dein alter Freund
Markus